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Nervige Klolektüre
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Rezension bezieht sich auf: Wenn man einen weißen Anzug anhat (Taschenbuch) Nachdem ich das Buch nach zwei, drei Texten zur Klolektüre degradiert hatte, bin ich jetzt endlich durch und - gelinde gesagt - enttäuscht. Nimmt man das Erzähler-Ich beim Wort (namlich, dass es Max Goldt selbst ist, der hier tagebuchartig Anekdoten aufreiht), muss man zu dem Schluss kommen, dass der Autor zu den schlimmsten Spießern gehört, die man derzeit im Literaturbetrieb findet.
Wie das? Strotzt nicht gerade Goldt vor feinsinniger progressiver Ironie und Umverkrampftheit, die genau das Gegenteil von "spießig" ist: nämlich Spießer-entlarvend? Ja, genau - aber auch das kann man eben so weit treiben, dass Progressivität als Totalverkrampfung daherkommt. Wenn Goldt sich etwa mit Umweltbewusstsein gegen das Benutzen von Essstäbchen beim Asiaten ausspricht (obwohl er es einfach nur affektiert findet, nicht mit Messer und Gabel zu essen), mit Mittelstandsbewusstsein für das Bestellen des Elektrikers zum Lampeaufhängen (obwohl er einfach nur zu ungeschickt ist es selbst zu machen) oder in dialektischem Jargon gegen die Schlechtwetterverächter parliert, dann bekommt man nach und nach den Eindruck, dass hier jemand einfach seine eigenen kulturellen Aninomistäten und Schrulligkeiten zu normativieren versucht, indem er diejenigen, die es anders machen, anders denken oder einfach nur anders sprechen (es gibt tatsächlich zwei Texte darüber "Was man nicht sagt") als Spießer deklariert.
Das Problem bei Goldts Texten ist ja schon immer gewesen, dass sie zwischen Berichterstattung/Kommenar und Ironie/Fiktion changieren und man eben nie weiß, ob der Autor der Erzähler ist. Unter dieser Prämisse lässt sich natürlich jedwedes Gedankengut an den Mann bringen und bei Kritik mit germanistisch-erhobenem Zeigefinger immer auf die Differenz von Autor und Erzähler verweisen. Diese Masche überreizt Goldt - vor allem in diesem Buch - einfach zu sehr und sein Humor steht deshalb letztlich in einer Reihe mit dem eines x-beliebigen konservativen Glossen-Schreibers.
Auf der letzten Seite steht ein schönes Textbeispiel, das sich gegen sich selbst wenden lässt: "Ich fühle mich an einen allzu populären Blödsinn erinnert, der sich Murphys Gesetz nennt und besagt, daß alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Das populärste Beispiel ist, daß man im Supermarkt stets in der langsamsten Schlange steht. Die Behauptung, daß ein Butterbrot mit Sicherheit mit der gebutterten Seite auf dem Fußboden lande, kennt auch jeder. Was zwingt Menschen, sich auf hundert Seiten ständig neue Variationen dieses Unfugs auszudenken? Vermutlich ist es nicht als ein getrübter Blick, Mißbrauch von geistigen Möglichkeiten und eine alles umfassende Undankbarkeit." (158f.)
Und was zwingt Goldt, auf 160 Seiten immer wieder so etwas zu unterstellen und sich über so etwas aufzuregen? Vermutlich ist es die mangelhafte Einsicht, dass er selbst der trefflichste Gegenstand seiner Texte wäre - oder einfach nur umfassende Spießigkeit. Alexander Horwarth tät sich im Grabe rumdrehen, wieweit es mit der Spießer-Kritik gekommen ist.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 9. April 2006 |